Gymnastik

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05.02. 2020
© Lauftreff Teublitz 1987
 

 

 

 

 

 

 

 

„DEN STORE STYRKEPROEVEN „

“Soli”-Trio bewältigt Radmarathon über 555 km von TRONDHEIM nach OSLO


Schon Monate vor dem Starttermin Juni 1992 begann für die drei Radsportler der „Solidarität“ Rimpar die physische und psychische Vorbereitung auf „Den Store Styrkeproeven“ (Die große Kraftprobe), dem wohl spektakulärsten und längsten Radrennen der Welt.
Manfred Heemann (55 Jahre), Eddie Holzheimer (39) und Charly Münzel (38) wussten im Vorfeld genau, nur wer eine 100%-ige mentale Einstellung mitbringt und durch gezieltes Kraft-Ausdauertraining die konditionelle Grundlage schafft, kann diese wohl härteste Radprüfung von Trondheim nach Oslo überhaupt bestehen.
Wegen der langen Schlechtwetterperiode verliefen die Trainingsvorbereitungen nicht optimal: jeder bereitete sich überwiegend individuell vor. Charly als Langstreckenläufer und nur Gelegenheitsradfahrer holte sich seine Kondition auch durch viele harte Laufeinheiten. Manfred und Eddie als reine Radfahrer dagegen legten Wert auf viele Radeinheiten.
So waren die Voraussetzungen doch unterschiedlich: Charly wagte sich mit nur 1.700 Rad-km auf diese Distanz, Manfred und Eddie brachten es da schon auf cirka 4000 bis 5000 km.
Eine generalstabsplanmäßige Planung der Skandinavienreise – nichts wurde dabei dem Zufall überlassen – und ein idealer Begleitfahrer, Charlys Schwager Michael Freund, sorgten bei den drei Radmarathon-Neulingen für Zuversicht. Endlich war es soweit und das Abenteuer „Trondheim – Oslo“ begann. Das Tagebuch führte Charly.

Dienstag, 16.06.1992

Gut gelaunt, aber dennoch mit flauem Gefühl in der Magengegend bestiegen die drei „Solisten“ vor dem Heemannschen Anwesen in Rimpar bei Würzburg gegen 17.00 Uhr den Kadett-Diesel von Charly, auf dem die Stahlrösser sehr liebevoll und fachmännisch befestigt waren.
Abgesehen von einem Stopp in Göttingen, wo uns Begleitfahrer Michael in ein gutes und preiswertes „Chinarestaurant“ – bekannt aus seiner Studentenzeit – zum Abendessen lotste, fuhr die 4-er Crew über Hamburg und Flensburg bis zum nördlich in Dänemark gelegenen Frederikshavn durch.

Mittwoch, 17.06.1992

Nach zurückgelegten 1.000 Straßenkilometern wurde die Fähre Stena Line in den frühen Morgenstunden pünktlich erreicht. Eine neunstündige Hochseefahrt durch Skagerrak und Oslofjord setzte den Anreise-Marathon fort und sorgte für willkommene Ablenkung vor dem großen Rennen.
In der modernen und hotelähnlichen Jugendherberge dem Vandrerhjem Haraldsheim in Oslo, die uns schon erwartete, versanken die Vier – von den Reisestrapazen gezeichnet – schnell in tiefen Schlaf.

Donnerstag, 18.06.1992

Oslo – Trondheim, die Radstrecke von 540 km in umgekehrter Weise mit dem Pkw, so lautete das Unternehmen an diesem Tage. Dabei wollte man die kritischen Punkte der Marathonstrecke, vor allem die Passagen auf dem Dovrefjell, dem höchsten Streckenpunkt, genau inspizieren und dabei die Wetter- und Windbedingungen unter die Lupe nehmen.
Herrliches Wetter und das Empfinden eines ständigen Gegenwindes (was ja für die Tour Rückenwind bedeuten würde) begleiteten uns bis auf die Hochebene. Ab dort schlug das Wetter um: Regen in unterschiedlicher Form und Stärke ließ uns bis Trondheim nicht mehr los. Abendessen und Nachtspaziergang – um Mitternacht war es noch ganz hell – beschlossen die anstrengende Pkw-Fahrt von mehr als acht Stunden. Unsere zentral gelegene Pension war Unterkunft vieler Torteilnehmer.

Freitag, 19.06.1992

Entspannung vor der „Großen Kraftprobe“ war angesagt. Nach dem problemlosen Abholen der Startnummern standen Besuch des Fischmarktes, Besichtigung des Nidaros-Domes und ein kleiner Stadtrundgang auf dem Programm. Das herrliche, warme Wetter ließ viel Optimismus für den morgigen Renntag zu. Letzte Überprüfungen an den Rennrädern im Hinterhof der Pension wurden vorgenommen. Von allen Seiten leuchteten alsbald die stark reflektierenden Erkennungsstreifen auf unserem Begleitfahrzeug, auf dem auch schon die Begleit-Kennzeichen angebracht waren. Torbjörn Raads Vater (den Trondheimer Törbjörn kannte Charly von einem Praktikum, das der Norweger beim ÜWU in Würzburg absolviert hatte) zeigte uns dann am Abend die schönsten Seiten von Trondheim mit seinem Pkw, u. a. die Loipe, die sogar nachts beleuchtet ist und die neuen Schanzen für die nordische Ski-WM, die in einigen Jahren hier stattfinden wird. Auch der ehemalige U-Boot-Stützpunkt aus dem II. Weltkrieg wurde uns nicht vorenthalten.

Samstag, 20.06.1992 und Sonntag, 21.06.1992

Das monotone Trommeln des Regens auf Dach und Fensterscheibe weckte uns unsanft aus dem Schlaf. Ungläubig schauten wir aus dem Fenster und verstanden die Welt nicht mehr: gestern noch herrlicher Sonnenschein und heute – ausgerechnet heute – dunkle Wolken und starker Regen. Nach dem Frühstück in einer Cafeteria herrschte Galgenhumor und dann hektisch-nervöses Treiben in der Pension: Anziehen der Regenkleidung, Einreiben der wichtigsten Körperteile und Auffüllen der Trinkflaschen und Trikottaschen mit Proviant und dann noch eine letzte Absprache mit Begleitfahrer Michael, der erst nach 40 km wegen Absperrungen zu uns stoßen konnte. Das lockere Einrollen von der Pension in den Startbereich am Nidaros-Dom nahm uns ein wenig Nervosität. Dort herrschte ein Riesentrubel, weil schon seit über zwei Stunden 75-er Pulks auf die lange Reise geschickt wurden. Obligatorisches Teamfoto vor dem Dom, Einchecken in den abgesperrten Startsektor, Überprüfung von Beleuchtung und Helm: die Ereignisse überschlugen sich jetzt. Der Puls stieg wieder an und in unseren Gesichtern war die enorme Anspannung vor einer ungewöhnlich langen und abenteuerlichen Reise abzulesen. Fast 5.000 Teilnehmer starteten im 2-Minuten-Takt: das ist doch unglaublich und jetzt waren wir drei dran: Pulje 47, 10:32 Uhr. Mit den Start-Nummern 3468, 3469 und 3470 befanden wir uns mitten im Pulk vor der Startlinie. 4.3.2.1 tönte es aus dem Lautsprecher und dann ging es rauf auf die „Stahlrösser“ und ab die Post.
Strömender Regen und ein empfindlich kalter Wind begleiteten uns auf den ersten Kilometern durch Trondheim und hinaus in Richtung Süden. Es war nicht leicht in so einem großen Pulk zu fahren. Man musste höllisch aufpassen, um nicht mit dem Vordermann oder den Fahrern rechts oder links zu kollidieren. Doch bereits an den ersten Anstiegen zog sich der Pulk auseinander. Immer wieder bildeten sich neue Formationen auf den ersten 72 Kilometern. Bis zur ersten Verpflegungsstation Garli bemühte sich jeder, seinen Rhythmus, d. h. seine geeignete Gruppe zu finden und so kraftsparend wie möglich zu fahren. Die erste „Matstasjon“ war ein Chaos aus Rädern, die kreuz und quer lagen und Radfahrern, die sich die erste Verpflegung nicht nehmen ließen. Wir wussten, dass jetzt der schwerste Teil der Strecke begann. Trotz miesen Regenwetters standen zahlreiche Zuschauer an der Strecke und munterten uns mit „heja, heja-Rufen“ auf. Die Anfeuerung tat uns gut, denn nicht nur die immer stärker ansteigende Strecke, sondern der zunehmend heftiger werdende Gegenwind machten uns gehörig zu schaffen. Nach Driva (km 127), dem zweiten Verpflegungspunkt, begann der schwerste und steilste Anstieg hinauf zum Dovrefjell (1.028m). Orkanartige Windböen frontal von vorne zwangen viele Radfahrer abzusteigen oder die Fahrt auf Schritttempo zu verlangsamen. Nach hartem Kampf gegen den gewaltigen Wind war endlich Hjerkinn erreicht und somit der höchste Punkt. Dovregubbens Hall, die Essstation bei km 180, kam da gerade rechtzeitig. Heißhungrig verschlangen wir alles eßbare und tankten auch ordentlich Flüssigkeit nach. Auf der nun folgenden fast 40 km langen Fahrt auf der Hochebene verlor Charly den Anschluss an eine mehrköpfige Gruppe, in der sich auch Manfred und Eddie befanden. Trotz enormer Anstrengung gelang es Charly nicht mehr, die Lücke zu schließen und er quälte sich als Einzelkämpfer vorbei an Dombas bis zur nächsten Verpflegungsstation Drikkest Dovreskogen durch. Für die Schönheiten der Natur in dem wohl schönsten Streckenabschnitt mit Blick auf die teilweise schneebedeckten höchsten Erhebungen Norwegens hatten die Radler bei diesen widrigen Wetterbedingungen nur wenig übrig, zu sehr hatte jeder mit sich selbst zu kämpfen. In dieser Phase gaben viele Radfahrer völlig entnervt auf. Unser Fahrer Michael hatte alles fest im Griff, war immer präsent, so dass Kleiderwechsel uns sonstiger Bedarf aus dem Fahrzeug nie ein Problem war. Nach 200 Kilometern folgte der langersehnte, leichtere Streckenteil mit langen und teilweise rasanten Abfahrten. Der Regen schien sich zu beruhigen, hatte allerdings nie ganz aufgehört. Es ging allmählich hinein ins Gudbrandsdal, die Dämmerung setzte langsam ein. Aus den Pulks sind
Grüppchen und Einzelkämpfer geworden, die auf der Fahrt vorbei an dunklen, bewaldeten Berghängen in sich Hineinhorchen. Kaum mehr Autos, keine Zuschauer, nur noch die Lautlosigkeit der beginnenden Nacht umgibt jetzt die Radmarathonis. Obwohl es inzwischen schon 23:00 Uhr war, fuhren wir immer noch ohne Licht, so hell war es noch. In Kvam (km 263) freuten sich die drei „Soli“-Fahrer darüber, dass fast die Hälfte der Strecke bewältigt war. Doch es kriselte im Team. Charly beklagte sich über die einseitige Ernährung. Er hatte das Smöre-Bröd mit Salami (dies gab es an jeder Essstation) völlig satt, wodurch sich eine Magenverstimmung bei ihm einstellte. Senior Manfred wirkte beruhigend auf ihn ein und empfahl ihm die Einnahme einer kräftigen, richtigen warmen Mahlzeit. Und so trennten sich wieder die Wege der drei. Manfred und Eddie setzten gemeinsam die Fahrt Richtung Ringebu fort und Charly suchte mit Michael um Mitternacht ein Speiselokal auf. Ein herzhaftes Steak zur „Geisterstunde“ baute Charly wieder richtig auf und mit der „zweiten Luft“ nahm er die Verfolgung seiner Teamgefährten auf. Dadurch, dass er die Matstasjon Ringbu (km 300) ausließ, weil er ja noch satt war, befand sich Charly nur noch zwei Minuten hinter Manfred und Eddie. Als Fahrer Michael den beiden mitteilte, dass Charly aufschließen wollte, traten die plötzlich noch kräftiger in die Pedale (das soll einer verstehen?) und ließen Charly nicht herankommen. Da fiel Charly der Spruch ein „zu viel Radfahren macht dumm“ und dachte sich „ein Glück, dass ich eigentlich Läufer bin“. Um drei Uhr zwischen Tretten und Hunderfoss begann der neue Tag. Gerade einmal drei Stunden war die Radbeleuchtung benötigt worden. Und Lillehammer, Schauplatz der Olympischen Winterspiele 1994 lag plötzlich vor uns. Die drei „Solisten“ hatten ihre Fahrt durch das Nachtdunkel nicht durch Schlaf unterbrochen, wie es unzählige Radsportler praktizierten. Es boten sich kuriose Nachtbilder: an den Straßenrändern lagen erschöpfte Fahrer neben ihren Rädern oder in den Stationen lagen die Marathonis umhüllt von Decken. Wiederum andere – Opfer des Sekundenschlafes - sanken plötzlich kraft- und lautlos in den Straßengraben. Wieder andere – wie wir –hielten sich mit Kaffee, Tee oder Cola hellwach und übergingen den Schlaf. In Lillehammer (nur noch 190 km bis Oslo) sahen sich die drei Radsportfreunde das letzte Mal vor dem Ziel. Natürlich machte sich jetzt der Radtrainingsrückstand von Charly noch deutlicher bemerkbar. Er wollte sein eigenes Tempo bis zum Ziel fahren und sich alleine durchschlagen. Bei allem Ehrgeiz war die Fahrzeit ohnehin nur sekundär, denn nur das Ankommen bei einer solchen Distanz war jetzt für ihn wichtig.
Am Ostufer entlang des 100km langen, wunderschönen Mjoesa-Sees führte der letzte Streckenabschnitt, immer wieder gekennzeichnet von kurzen, giftigen Anstiegen immer näher zum Ziel. Sogar die Sonne kam jetzt heraus. Ab Kilometer 100 vor Oslo wiesen große Schilder in 10-km-Abständen auf die noch verbleibende Reststrecke hin. Dies motiviert zusätzlich. Der Countdown läuft ab diesem Streckenpunkt also bis hinein ins Ziel. Charly ließ sogar die letzte Matstasjon Mogreina (bei km 500) aus, weil er sich plötzlich wieder super fühlte. Als die Außenbezirke von Oslo erreicht waren, zeigte der Radcomputer schon 540 Kilometer an. Jetzt konnte es doch nicht mehr weit sein? Denkste – die Tourteilnehmer wurden auf großem Umweg nochmals auf den höchsten Punkt von Oslo, den Gjellerasen geleitet. Just bei diesem steilen Anstieg bekam Charly noch einen Hungerast (d. h. er war unterzuckert). Jetzt rächte sich das Auslassen der letzten Essstation. In seiner Verzweiflung fragte er auf Englisch vorbeiziehende Radsportler „Do You have anything to eat?“. Ein freundlicher Norweger reichte ihm prompt zwei Stückchen Traubenzucker - das war die Rettung. Vorbei am berühmten Holmenkollen sauste Charly mit neuem Schwung die Abfahrt hinunter und auf dem letzten Kilometer führte eine separate Fahrspur bis zum Ziel, der Valle Hovin. Nach einer Nettofahrzeit von fast genau 22:00 Stunden (25,2 km/h), aber einer Bruttofahrzeit mit allen Pausen von 27 Stunden 57 Minuten und 45 Sekunden überquerte Charly fast genau eine Stunde nach seinen beiden Radsportkollegen Manfred und Eddie bei Sonnenschein die Ziellinie. Die Armbanduhr zeigte genau 14:30 Uhr an.
Wie sich im nach hinein auf dem Cyclomaster feststellen ließ, war die Strecke um 15 km länger als ausgeschrieben. Die Anfahrten zu den Essstationen und wieder hinaus waren möglicherweise der Grund für letztendlich gefahrene 555 Kilometer.
Nach Einnahme einer warmen Mahlzeit und Erhalt von Urkunde und Medaille stellten sich die drei „Soli“-Radsportler stolz, aber völlig ausgepowert dem Begleitfahrer und Fotografen Michael für ein Mannschaftsfoto zur Verfügung. Auch Michael waren die Strapazen anzumerken. Er hatte hervorragende Unterstützung geleistet und sich ein besonders dickes Lob verdient. Die Bilanz, die der Veranstalter später zog, lautete:
Anmeldungen: 5.325 Teilnehmer, am Start: 4.804, im Ziel: 3.763, aufgegeben: 1.041 (22%)

Doch nach dem Rennen geschah etwas Unverständliches: Manfred und Eddie hatten immer noch nicht genug. Mit total übersäuerter Muskulatur fuhren sie per Rennrad noch die wenigen Kilometer zu unserer nun schon bekannten Jugendherberge Haraldsheim. Und Charly erinnerte sich wieder an den Spruch „ zu viel Radfahren macht dumm“, was nach über 555 km gleich nochmals bestätigt wurde.
Charly (der Läufer) dagegen ließ sich sehr entspannt von Michael zur Unterkunft chauffieren.
Das Auffüllen der völlig leeren Kohlenhydrate-Depots (kein Wunder, bei dieser Tortur rechnet man mit einem Verbrauch von 11.000 bis 14.000 kcal) hatte jetzt erste Priorität.
In „Chinatown“ nahmen die Vier hervorragende chinesische Kost zu sich und ließen dann einen der Muskulatur entsprechend kurzen Stadtbummel durch das Zentrum Oslos folgen. Der Besuch eines Cafes mit TV-Übertragung des Fußball Europameisterschafts-Halbfinales mit deutscher Beteiligung beschloss dann das äußerst erlebnisreiche norwegische Sportwochenende.

Montag, 22.06.1992

Am Morgen nach einem herzhaften Frühstück in der Jugendherberge hieß es Abschiednahmen von der norwegischen Metropole. Um die Fähre im schwedischen Göteborg noch rechtzeitig zu erreichen, musste Michael seine Fahrkünste schon vollständig ausreizen. Dabei wurde sogar Manfred, sonst so „cool“ in allen Lebenslagen, ganz blass ums Näschen. Nach reifer Leistung mit Verdacht auf Formel-I-Ambitionen fuhr Michael mit uns ins Hafenviertel von Göteborg ein. Dänische und holländische Schlachtenbummler verließen gerade das Hafengelände in Richtung Stadion, in dem am Abend das zweite Semifinalspiel zwischen Holland und Dänemark folgen sollte. Ein Blick auf die Uhr sagte, wir lagen genau in der Zeit. „Göteborg, the heart of Scandinavia“ war auf großen Lettern zu lesen, als wir per Fähre aus dem Hafen ausliefen. An Bord der Fähre Stena Line wurde wieder richtig gezockt: Michael und Charly kamen von den „einarmigen Banditen“ nicht mehr los.
Auch die Jugendherberge Vandrerhjemmet Fladstrand in Frederikshavn konnte sich sehen lassen. Den Abend verbrachte das Quartett in einem vorzüglichen Speiselokal, das sich dann als total fußballverrückt entpuppte. Gespannt verfolgten wir auf dem Bildschirm das Halbfinalspiel. Die Kneipe stand Kopf, als die Dänen im Elfmeterschießen die Holländer in die Knie zwangen. Ein Hupkonzert vom Hafen her überdröhnte alles, alle vor Anker liegenden Schiffe beteiligten sich daran. Eine Lokalrunde nach der anderen wurde eingeläutet und unser Konsum an „Tuborg und Carlsberg“ Bier stieg ins Uferlose. Als dann der Schwede Bengt mit seinem „Rhöndiesel“ (Hausschnaps) ankam, war der „Bock“ fett. Einen ganz heißen Reifen fuhr dann Charly in den frühen Morgenstunden vom „Moby Dick“, dem Fußball-Lokal ins Quartier. Dort setzten Michael, Manfred und Eddie mit einem „Sektfrühstück“ noch einen drauf.

Dienstag, 23.06.1992

Mit einem kräftigen „Kater“ trat das Viererteam die lange Rückreise durch Dänemark an. In Flensburg wurde im Eilverfahren noch eine warme Mahlzeit eingenommen und dann „toujours“ bis Rimpar durchgefahren. Kurz vor Mitternacht – in Deutschland regnete es stellenweise in Strömen – war dann der „Mittelpunkt von Europa“, Rimpar (das zumindest behaupten die Einheimischen), wieder erreicht.

Eine abenteuerliche und in jeder Hinsicht unvergessliche (Tor-)Tour ging zuende. Ob es aber ein einmaliger Radmarathon Trondheim – Oslo bleiben wird, darüber hüllten sich die drei Finisher in Schweigen.

Informationen zum Trondheim-Oslo Radmarathon Quelle: Das Rennrad-Magazin TOUR:
Termin: 23. – 25.06. 2006 Veranstaltung: Trondheim-Oslo Startort: Trondheim Distanz: 540 km Höhenmeter: 4.304 Zeitlimit: 40 Stunden
Info-Telefon: 0047/22 57 97 46 info@styrkeproven.no, www.styrkeproven.no

Mein persönliches Fazit:
Das wohl bekannteste Langstreckenrennen in Europa hat seinen eigenen, besonderen Reiz und eine Anziehungskraft, die es mit keinem anderen Radrennen vergleichbar macht. Die Strecke ist alles andere als flach (siehe Info!) und der nördliche Breitengrad bewirkt, dass man in 1.000 Metern Höhe auch neben Schneefeldern fährt. Man muss mit Dauerregen, Kälte und starkem Wind rechnen.
Übergeht man dann noch den Schlaf, sind die physischen und psychischen Grenzen schnell erreicht.
Wer diese Herausforderung annehmen will, sollte sich wirklich gut präparieren, d. h. mindestens 4000 bis 5000 Radtrainingskilometer im Halbjahr vor dem Radmarathon zurücklegen. Dabei wäre es nützlich, im Training mindestens einmal 300 km am Stück zu fahren. Für mich als Läufer, der diesen Trainingsumfang nicht erreichen konnte, machte sich die fehlende radspezifische Beinmuskulatur bemerkbar. Nur mit enormer Willenstärke konnte ich dieses Defizit ausgleichen.

Charly Münzel